Alternsgerechte Arbeit – was bei der Gefährdungsbeurteilung zu beachten ist

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Alternsgerechte Arbeit – was bei der Gefährdungsbeurteilung zu beachten ist | 07.11.2016

Arbeitgeber sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Arbeitnehmer gleichberechtigt zu behandeln. Diskriminierung aufgrund von Alter oder Behinderung ist verboten. Damit eine vollständige Gleichberechtigung gewährleistet wird, können Arbeitgeber spezifische Maßnahmen ergreifen, um Nachteile durch Alter oder Behinderung zu verhindern oder auszugleichen.

Das Alter ist ein Aspekt der Diversität, deshalb müssen bestimmte Gefährdungsfaktoren bei der Gefährdungsbeurteilung in diesem Zusammenhang beachtet werden. Bei jungen Arbeitskräften kann z. B. der Mangel an Erfahrung einen Gefährdungsfaktor darstellen, während die Gefährdungen bei älteren Arbeitnehmern mit deren möglichen Veränderungen von funktionellen Fähigkeiten zusammenhängen.

Diese altersbedingten Veränderungen sollten sich Arbeitgeber, in Anbetracht stetig zunehmender alternder Belegschaften, gemeinsam mit den betrieblichen Arbeitsschutzakteuren bewusster machen, um angemessene Maßnahmen in der Gefährdungsbeurteilung festzulegen und umzusetzen. Als Unterstützung, welche altersbedingte Veränderungen auf welchen Ebenen stattfinden und wie damit mit Blick auf zunehmende Gefahren am Arbeitsplatz und in der Arbeitsumgebung umgegangen werden kann, soll folgende Darstellung altersbezogener Veränderungen von Beschäftigten beitragen:

Herzkreislaufsystem und Atemwege Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Reduzierung der aeroben Leistungsfähigkeit um ca. 10 % pro Jahrzehnt (geringere Herzleistung, verringerte Lungenkapazität und geringere maximale Sauerstoffaufnahme bei körperlicher Anstrengung) Besonders relevant bei körperlich sehr anstrengenden Arbeiten. Ältere Arbeitskräfte arbeiten eventuell näher an ihrem persönlichen Limit, was zu Ermüdung führen kann Ausrüstung bereitstellen, die schwere körperliche Arbeit erleichtert
Häufige kurze Pausen
individuelles Arbeitstempo
Ausreichende Erholungszeiten
Regelmäßige Gesundheitschecks
Verringerte Fähigkeit zur Regulierung der Körpertemperatur Höhere Empfindlichkeit gegenüber Hitze und Kälte
Anpassungsschwierigkeiten bei Temperaturunterschieden
Höhere Anfälligkeit für Unterkühlung und Hitzeschlag
Extremtemperaturen soweit möglich vermeiden
Anstrengende Arbeit in heißen, feuchten und kalten Umgebungen vermeiden
Zugang zu kühleren/wärmeren Bereichen, wenn in heißen/kalten Umgebungen gearbeitet wird
Ausreichend Getränke zur Verfügung stellen,
Individuelles Arbeitstempo bei Extrem-temperaturen zulassen
Sicherstellen, dass Arbeitskräften persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt wird,
regelmäßige Gesundheitsüberprüfung
Bewegungsapparat Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Verringerte Mobilität und steifere Gelenke, brüchigere Knochen Tätigkeiten, bei denen viele verschiedene Bewegungen ausgeführt werden.
Tätigkeiten, die manuelle Arbeit umfassen.
Birgt die Gefährdung von Verletzungen, da ältere Arbeitskräfte eventuell näher an ihrem persönlichen Limit arbeiten. Risiko von Knochenbrüchen wird erhöht.
Feststellen, in welchen Bereichen Gruppen oder Einzelpersonen Schwierigkeiten haben,.
Sich wiederholende Arbeiten vermeiden (Wechseltätigkeit, kurze Pausen).
Gleichbleibende Körperhaltungen vermeiden,.
Arbeit so gestalten, dass Bewegung und Positionswechsel möglich sind, längeres Bücken oder andere extreme Belastungen für die Gelenke vermeiden..
Hilfsmittel bzw. Werkzeuge zur Verfügung stellen, die zur Aufgabe und Benutzer passen.
Verringerung der Muskelkraft und Ausdauer (Verlust von etwa 20 bis 40 % im Alter von 20 bis 60 Jahren). Kann sich auf körperlich anstrengende Tätigkeiten auswirken, für die eine hohe Muskelkraft erforderlich ist.
Tätigkeiten, die manuelle Arbeit umfassen.
Birgt Risiko von Verletzungen des Bewegungsapparats, da ältere Arbeitskräfte eventuell näher an ihrem persönlichen Limit arbeiten.
Gleichbleibende Körperhaltungen vermeiden Bewegung in die Arbeitsaufgaben
Kein Drehen des Oberkörper während Heben
Gegenstände aus Hüfthöhe heben
Tätigkeiten zwischen der Höhe der Oberschenkel und Schultern durchführen
Hebehilfen zur Belastungsreduzierung
Häufige (kurze) Pausen einplanen.
Arbeitsplatz anpassen, dass effektive Bewegungen der Arbeitskräfte möglich (freie Wege, gut zugängliche Lagerplätze/ Werkzeuge). Leicht zu greifende Werkzeuge
Werkzeuge mit langen Griffen, Schulungen: Heben, Sitzen, Stehen, Bücken und Strecken.
Sinneswahrnehmung Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Veränderung Sehvermögen eingeschränktes Sehen bei schlechtem Licht; verringerte Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, Entfernungen und Geschwindigkeiten einzuschätzen. Einfluss auf Fahrtüchtigkeit bei Nacht möglich.
Auswirkungen, bei Wechsel Arbeitskraft zwischen hellen und dunklen Arbeitsumgebungen
Kann die Fähigkeit beeinträchtigen, gedruckte Schrift, Anzeigen und Bildschirme zu lesen.
Kann Fähigkeit beeinträchtigen, sehr detaillierte Aufgaben auszuführen.
Kontrast zwischen Objekten durch eine bessere Beleuchtung erhöhen. Schilder deutlich, sichtbar und leicht lesbar
Blau vor grünem Hintergrund oder Blau auf schwarzem Hintergrund im Arbeitsbereich vermeiden. Bestimmte Stellen oder Arbeitsplätze störungsfrei beleuchten, wenn möglich Beleuchtung individuell anpassen.
Blendwirkung der Sonne reduzieren.
Vermeiden, dass Arbeitskräfte zwischen hellen und dunklen Umgebungen wechseln müssen.
Einen Wechsel von der Nacht- in die Tagschicht in Betracht ziehen, wenn z. B. Nachtfahrten erforderlich sind.
Regelmäßige Sehtests anbieten oder fördern.
Veränderung Hörvermögen unter anderem verminderte Wahrnehmungsfähigkeit hoher Töne und Unfähigkeit, die Schallquelle zu orten. Kann Auswirkungen auf die Kommunikation im Allgemeinen, auf das Verstehen von Anweisungen und auf die Wahrnehmung von Gefahren im direkten Umfeld haben, vor allem in lauten Umgebungen. Lärm in der Arbeitsumgebung eindämmen.
Schallabsorbierende Baumaterialien.
Entstehen von Echos vermeiden.
PSA für alle Altersgruppen bereitstellen und Arbeitnehmer dazu anhalten, sie in jedem Alter zu tragen. Sicherstellen, dass Warnsignale von jedem am Arbeitsplatz verstanden werden können; akustische Signale durch visuelle Signale oder einen Vibrationsalarm ergänzen.
Hörtests für Arbeitskräfte anbieten.
Den Kauf von Hörgeräten unterstützen.
Veränderungen des Gleichgewichtssinns Höheres Risiko zu fallen, auszurutschen oder zu stolpern, Auswirkungen für Feuerwehrleute und Rettungspersonal
Auswirkungen für Bauarbeiter und andere, die an hoch gelegenen Arbeitsplätzen arbeiten
gute Ausleuchtung aller Gehwege sicherstellen.
Verschüttete Flüssigkeiten sofort aufwischen,
Farben mit starken Kontrasten auf Treppen und in unebenen Bereichen verwenden.
Arbeit an Fähigkeiten anpassen, nicht alle können mit Leitern und Gerüsten umgehen.
Sicherstellen, dass Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen an hoch gelegenen Arbeitsplätzen bekannt sind, befolgt werden.
Schuhe/Stiefel mit rutschfesten Sohlen
Haut Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Dünnere und trockenere Haut Höhere Anfälligkeit für Entzündungen der Haut.
Tätigkeiten, bei denen die Haut Chemikalien ausgesetzt ist, und „nasse“ Tätigkeiten.
Kann Auswirkungen auf Tätigkeiten im Freien haben.
Kontakt mit Chemikalien vermeiden/verringern.
Gesundheit der Arbeitskräfte überwachen.
Sicherstellen, dass geeignete individuelle PSA zur Verfügung steht ;Sicherstellen, dass die Richtlinien zu PSA bekannt sind.
Kognitive Prozesse Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Geringe Veränderungen der Merkfähigkeit und Informationsverarbeitung Das Verarbeiten von Informationen kann länger dauern.
Begrenzte Auswirkung, da Erfahrung und Fähigkeiten normalerweise kompensierend wirken.
Während des gesamten Arbeitslebens und für alle Altersgruppen Schulungsmöglichkeiten anbieten und die Entwicklung von Fähigkeiten fördern. Sicherstellen, dass Arbeitsumfeld /Aufgaben anregend sind. Unter- und Überbelastung vermeiden. Falls nötig, Multitasking reduzieren. Zeit zwischen den Schritten einer Aufgabe erhöhen. Für die Entscheidungsfindung Zeit verlängern.
Schlaf Potenzielle Auswirkungen auf die Arbeit Umgang mit den Veränderungen durch ihr Arbeitsschutzsystem
Veränderungen des Schlafrhythmus Auswirkungen auf Nacht- oder Schichtarbeit.
Auswirkungen für Arbeiten, die über einen langen Zeitraum hinweg eine hohe Konzentration erfordern.
Länge der Nachtschichten möglicherweise verkürzen. Falls möglich, ein Auswählen der Schicht erlauben.
Schnell vorwärts rotierende Schichtpläne einführen. Arbeitspläne so gestalten, dass Erholungszeiten bei der Arbeit und außerhalb möglich sind. Die Anzahl aufeinander folgender Nachtschichten reduzieren, da dies im Zusammenhang mit Unfällen steht.

Stefan Johannsen, Dipl.-Biologe

 

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