Ausbildung Betrieblicher Psychologischer Erstbetreuer/innen – einheitliche Qualität sicherstellen

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Ausbildung Betrieblicher Psychologischer Erstbetreuer/innen – einheitliche Qualität sicherstellen | 07.02.2018

Traumatische Ereignisse müssen in die Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen einbezogen werden. Ergeben sich aus der Beurteilung mögliche Gefährdungen für die Beschäftigten, müssen wirksame Maßnahmen getroffen werden.

Primärpräventive Aufgabe der Arbeitgeberin oder des Arbeitgebers ist es, traumatische Ereignisse zu verhindern und für den Fall, dass sie doch auftreten, die Folgen für die Betroffenen so gering wie möglich zu halten.

Nach traumatischen Ereignissen wie beispielsweise Arbeitsunfällen, tätlichen Übergriffen, Überfällen, Bedrohungen, Verkehrsunfällen, Rettungseinsätzen, ist im Rahmen der Sekundärprävention, eine frühzeitige psychologische Erstbetreuung sinnvoll, um akute Stressreaktionen möglichst zu vermindern und die Weitervermittlung in professionelle psychologische Versorgung sicherzustellen, um ein langfristigen Ausfall betroffener Beschäftigter und Zeugen zu vermeiden.

Die betriebliche psychologische Erstbetreuung wird ereignisnah erbracht. Das bedeutet möglichst sofort, im günstigsten Fall noch am Ereignisort. Falls das aus arbeitsorganisatorischen Gründen nicht möglich ist, kann eine Erstbetreuung bis zu 48 Stunden nach dem Ereignis stattfinden. Danach ist sie nicht mehr sinnvoll. Nach diesem Zeitpunkt ist eine Begleitung der Betroffenen durch eine koordinierende Stelle im Betrieb notwendig. Die Erstbetreuung kann entweder durch speziell ausgebildete Beschäftigte des Betriebes (interne Erstbetreuung) oder durch einen Dienstleister erfolgen (externe Erstbetreuung).

Typische Reaktionen nach einem traumatischen Ereignis sind:

  • veränderte Wahrnehmung, z. B. veränderte Zeitwahrnehmung, Wahrnehmung des Geschehens wie von außen, Wahrnehmen nur weniger Einzelheiten („Tunnelblick“)
  • Gefühle von Betäubung und Unwirklichkeit, z. B. das Ganze wie im Film erleben, die eigene Person wird als fremd wahrgenommen
  • Gefühl, ausgeliefert zu sein, die Kontrolle verloren zu haben
  • ausgeprägte Körperreaktionen: Herzrasen, Schwindel, Schwitzen, Übelkeit etc.
  • innerlicher Rückzug, z. B. wie unter einer Glocke sitzen
  • Einschränkung von Aufmerksamkeit und Konzentration

Die Reaktionen treten in der Regel bereits während oder kurz nach dem Ereignis auf. Jeder Mensch erlebt traumatische Ereignisse anders, auch die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich.

Bei den meisten Betroffenen klingen die Reaktionen nach Stunden oder wenigen Tagen ab. Jedoch können die Beschwerden auch chronifizieren und zu erheblichen Beeinträchtigungen, wie z. B. einer Posttraumatischen Belastungsstörung, Depression oder auch zu körperlichen Erkrankungen führen, die auch zeitlich verzögert auftreten können.

Betriebliche psychologische Erstbetreuung ist die durch Arbeitgeber kurzfristig und ereignisnah angebotene methodisch-strukturierte, nicht-therapeutische psychosoziale Beratung und Unterstützung für Betroffene von traumatischen Ereignissen durch speziell qualifizierte Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer. Die betriebliche psychologische Erstbetreuung beinhaltet die

  • Bedürfnis- und Bedarfserhebung,
  • psychische Stabilisierung sowie
  • Vermittlung in das soziale Netzwerk der Betroffenen und/oder in mittel- und ggf. längerfristige psychosoziale Hilfen. (In Anlehnung an DIN 13050).

Dabei ist eine einheitliche und hohe fachliche Qualität der Erstbetreuung herzustellen.

Durch traumatische Ereignisse sind folgende zentrale menschliche Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt:

  • Sicherheit
  • Orientierung und
  • Kontrolle

Bedeutende Risikofaktoren für das Entstehen von psychischen Erkrankungen nach traumatischen Ereignissen sind:

  • ein Mangel an sozialer Unterstützung und
  • starke emotionale Reaktionen wie Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Schuldgefühle

während und kurz nach dem Ereignis.

Viele Menschen, die in der betrieblichen psychologischen Erstbetreuung tätig werden, haben noch keine Ausbildung. Eine qualitativ hochwertige und wirksame psychologische Erstbetreuung kann so nicht gewährleistet werden.

 

Mit Empfehlungen der DGUV (hier: DGUV I 206-023) sollen Unfallversicherungsträger Arbeitgebern, eine zielgerichtete Unterstützung bei der Sekundärprävention arbeitsbedingter Traumafolgestörungen bekommen, um eine qualitätsgesicherte Erstbetreuung in ihren Betrieben zu etablieren. Stellen, die eine Ausbildung zur psychologischen Erstbetreuung anbieten, können ihre Kurse an den Standards der Unfallversicherungsträger ausrichten.

Mit den darin aufgeführten Empfehlungen an die Unfallversicherungsträger wird diese Lücke geschlossen. Es werden erstmals Mindeststandards in der betrieblichen psychologischen Erstbetreuung (bpEb) definiert. Ziel ist es, eine einheitliche und hohe fachliche Qualität der Erstbetreuung herzustellen.

Betrieblich psychologische Erstbetreuende benötigen eine Ausbildung sowie eine regelmäßige Qualifizierung, um als Laien die Erstbetreuung übernehmen zu können. Diese wird durch Expertinnen und Experten mit psychologisch fundiertem Hintergrundwissen und Erfahrung in der Notfallpsychologie bzw. Psychotraumatologie durchgeführt.

Die Anzahl der Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer richtet sich nach der potenziellen Anzahl und der möglichen Schwere der traumatischen Ereignisse sowie nach der Anzahl der Beschäftigten und der regionalen Verteilung der Dienststellen/Betriebsstandorte.

Zu berücksichtigen ist auch die Verteilung der Arbeitszeiten, z.B. Schichtarbeit. Eine exakte Anzahl lässt sich nicht festlegen. Es ist zu berücksichtigen, dass die Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer einerseits nicht zu viele Einsätze, andererseits nicht zu wenige haben. Zu viele Einsätze führen zu einer Überforderung. Bei zu wenigen Einsätzen können die notwendigen Erfahrungen nicht gesammelt werden.

Betriebliche psychologische Erstbetreuung ist angebracht, wenn ein Ereignis nach wissenschaftlichem Erkenntnisstand mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen bei den Betroffenen führt. Typische Merkmale dieser traumatischen Ereignisse sind:

  • Bedrohung des eigenen Lebens oder der körperlichen oder psychischen Unversehrtheit
  • eigene schwere körperliche Verletzungen oder Schädigungen
  • Erleben absichtlicher Verletzung oder Schädigung
  • direkter Kontakt mit schwer verletzten, sterbenden oder toten Personen (auch Sichtkontakt)
  • gewaltsamer oder plötzlicher Verlust nahestehender Personen (z.B. unmittelbare Kolleginnen oder Kollegen, aber auch Angehörige)
  • Beobachtung von Gewalt gegenüber nahestehenden Personen

Des Weiteren, soweit beobachtbar, die Symptome einer akuten psychischen Traumatisierung als Kriterium für den Einsatz von Erstbetreuerinnen und Erstbetreuern herangezogen werden. Typischerweise zeigt sich ein gemischtes und wechselndes Bild:

  • Erstarrtsein, Betäubung, Teilnahmslosigkeit
  • Unruhezustand, Überaktivität: Umherrennen, Fluchtreaktionen, panische Angst
  • aggressives Verhalten
  • Weinen, Schreien, Zittern, Atemnot, Schwitzen, Erröten

Ziel der psychologischen Erstbetreuung ist es, die akuten Stressreaktionen (Ängste, Übererregung, Bedrohungs- und Unsicherheitserleben etc.) möglichst durch soziale Unterstützung (Wiedererlangung der Kontrolle) und Stabilisierung der psychischen Funktionen wie Wahrnehmung, Denken, Fühlen zu vermindern sowie Orientierung und Sicherheit herzustellen.

Hinweis: Bei mehr als dreitägiger Abwesenheit ist zusätzlich zum Eintrag ins Verbandsbuch eine plausible Unfallanzeige an die zuständige Berufsgenossenschaft und an die zuständige Aufsichtsbehörde erforderlich.

 

Quelle: www.bgetem.de

 

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