Lärm-Stress am Arbeitsplatz

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„Lärm-Stress“ am Arbeitsplatz – Neue Arbeitsstättenregel ASR A 3.7 seit Mai 2018 in Kraft | 03.07.2018

Lange mussten wir warten, bis die geplante Technische Regel für Arbeitsstätten, ASR A 3.7 in Kraft getreten ist. Im Mai 2018 war es soweit. Anlass genug, die Gefährdungsbeurteilung, insbesondere auf die Angemessenheit zu extra-auraler Lärmgefährdung zu überprüfen.

Wenn Arbeitsstätten eingerichtet oder wesentlich erweitert oder umgebaut oder die Arbeitsverfahren oder Arbeitsabläufe wesentlich umgestaltet werden, ist bereits bei der Planung zu berücksichtigen, dass die Beurteilungspegel für Tätigkeiten an Arbeitsplätzen in Arbeitsräumen sowie die raumakustischen Anforderungen an Arbeitsräume eingehalten werden.

Hierbei sind insbesondere zu beachten:

  • die Bauakustik, Raumakustik sowie Maßnahmen zum Lärmschutz,
  • die Grundflächen für Arbeitsplätze und Arbeitsräume gemäß ASR A1.2 „Raumabmessungen und Bewegungsflächen“,
  • die Arbeitsaufgaben/Tätigkeit der Beschäftigten für die zu planenden Arbeitsräume,
  • die Arbeitsorganisation,
  • die Anforderungen an Arbeitsmittel gemäß BetrSichV,
  • die Belüftung der Arbeitsräume.

Lärmarme Arbeitsmittel sind nach Beschaffung durch Instandhaltung möglichst im ursprünglichen Emissionszustand zu erhalten, z. B. ausgeschlagene Rechnerlüfter austauschen. In Kindertagesstätten z. B. Geschirrwagen und Spielzeuge mit Gummibereifung ausstatten, häufig bewegte Tische und Stühle mit Gleitern versehen und lärmarmes Geschirr sowie schalldämpfende Geschirrunterlagen verwenden.

Hinsichtlich der Gesundheitsgefährdung durch Lärm wird zwischen auralen (auf das Gehör bezogenen) und extra-auralen Lärmwirkungen unterschieden. Ab einem A-bewerteten äquivalenten Dauerschallpegel von 70 dB(A) kann als aurale Lärmwirkung eine reversible Hörminderung auftreten.

Extra-aurale Lärmwirkungen zeigen sich unter anderem in verschiedenen physiologischen und psychischen Reaktionen, die über das zentrale und das vegetative Nervensystem des Menschen vermittelt werden. Diese Wirkungen entsprechen einer Stressreaktion. Sie haben keinen strengen Pegelbezug, entstehen in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang zur Schallexposition und klingen nach der Exposition schnell wieder ab (akute Wirkung). Andauernde Stressreaktionen können negative gesundheitliche Auswirkungen haben (chronische Wirkung).

Grundsätzlich gilt: In Arbeitsstätten ist der Schalldruckpegel grundsätzlich so niedrig zu halten, wie es nach der Art des Betriebes möglich ist.

Als Hilfestellung zur Beurteilung des „Lärm-Stresses“ bzw. extra-auraler und reversible auraler Lärmwirkungen hat diese Technische Regel drei Tätigkeitskategorien inklusive Beurteilungspegel definiert. Eine Tätigkeitskategorie ist die Einteilung der Tätigkeiten nach dem Maß der für die Erfüllung der Arbeitsaufgabe erforderlichen Konzentration oder Sprachverständlichkeit:

Tätigkeitskategorie I – hohe Konzentration oder hohe Sprachverständlichkeit:

Tätigkeiten, die eine andauernd hohe Konzentration erfordern, weil für die Erbringung der Arbeitsleistung z. B. schöpferisches Denken, eine kreative Entfaltung von Gedankenabläufen, exaktes sprachliches Formulieren, das Verstehen von komplexen Texten mit komplizierten Satzkonstruktionen, eine starke Zuwendung zu einem Arbeitsgegenstand oder -ablauf verbunden mit hohem Entscheidungsdruck, das Treffen von Entscheidungen mit großer Tragweite oder eine hohe Sprachverständlichkeit kennzeichnend sind.

Beispiele für Tätigkeiten und Handlungen – allgemein überwiegend geistige Tätigkeiten, die eine hohe Konzentration verlangen:

  • Besprechungen und Verhandlungen in Konferenzräumen;
  • Arbeiten in Bibliothekslesesälen;
  • Wissensvermittlung durch Vorlesung oder Seminare sowie Prüfungen im akademischen oder schulischen Bereich; wissenschaftliches und kreatives Arbeiten;
  • Entwickeln von Software;
  • Treffen von Entscheidungen mit hoher Tragweite gegebenenfalls unter Zeitdruck;
  • ärztliche Untersuchungen, Behandlungen und Operationen;
  • Entwerfen, Übersetzen, Diktieren, Aufnehmen und Korrigieren von schwierigen Texten,
  • Optimieren von Software und Prozessschritten komplexer Transferstraßen,
  • Teachen von Robotern in verketteten Roboter-Linien

Während der Ausübung von Tätigkeiten der Tätigkeitskategorie I darf ein Beurteilungspegel von 55 dB(A) nicht überschritten werden.

Tätigkeitskategorie II – mittlere Konzentration oder mittlere Sprachverständlichkeit:

Tätigkeiten, die eine mittlere bzw. nicht andauernd hohe Konzentration oder gutes Verstehen gesprochener Sprache bedingen, weil für die Erbringung der Arbeitsleistung z. B. üblicherweise Routineanteile, das heißt wiederkehrende ähnliche und leicht zu bearbeitende Aufgaben, das Treffen von Entscheidungen geringerer Tragweite (in der Regel ohne Zeitdruck) oder eine für Kommunikationszwecke erforderliche Sprachverständlichkeit kennzeichnend sind.

Beispiele für Tätigkeiten und Handlungen – allgemeine Bürotätigkeiten und vergleichbare Tätigkeiten in der Produktion und Überwachung: informations- und kommunikationsgeprägte Tätigkeiten, wie

  • Disponieren;
  • Daten erfassen;
  • Texte verarbeiten;
  • Sachbearbeitung im Büro;
  • psychomotorisch geprägte (feinmotorische) Tätigkeiten (Auge-Hand-Koordination);
  • Arbeiten in Betriebsbüros und Laboratorien;
  • Bedienen von Beobachtungs-, Steuerungs- und Überwachungsanlagen in geschlossenen Messwarten und Prozessleitwarten;
  • Verkaufen, Bedienen von Kunden;
  • Tätigkeiten mit Publikumsverkehr

Während der Ausübung von Tätigkeiten der Tätigkeitskategorie II darf ein Beurteilungspegel von 70 dB(A) nicht überschritten werden.

Tätigkeitskategorie III – geringere Konzentration oder geringere Sprachverständlichkeit:

Tätigkeiten, die eine geringere Konzentration infolge überwiegend vorgegebener Arbeitsabläufe mit hohen Routineanteilen erfordern sowie geringere Anforderungen an die Sprachverständlichkeit stellen.

Beispiele für Tätigkeiten und Handlungen - allgemein industrielle und gewerbliche Tätigkeiten:

  • einfache Montagearbeiten;
  • handwerkliche Tätigkeiten (Fertigung, Installation);
  • Tätigkeiten an Fertigungsmaschinen, Vorrichtungen, Geräten;
  • Warten, Instandsetzen und Reinigen technischer Einrichtungen und deren unmittelbare Beaufsichtigung;
  • Bedienen von Bearbeitungsmaschinen für Metall, Holz und dergleichen;
  • Reinigungsarbeiten;
  • Lagerarbeiten;
  • Einräumen von Ware

Während der Ausübung von Tätigkeiten der Tätigkeitskategorie III ist der Beurteilungspegel unter Berücksichtigung betrieblicher Lärmminderungsmaßnahmen soweit wie möglich zu reduzieren.

Extra-aurale und reversible aurale Lärmwirkungen können zu folgenden Problemen führen:

  • Beeinträchtigung der Sprachverständlichkeit und der akustischen Orientierung,
  • Störung der Arbeitsleistung (kognitive Leistung),
  • psychische Wirkung oder
  • physiologische Wirkung (Aktivierung des zentralen und vegetativen Nervensystems

Unfälle und arbeitsbedingte Gesundheitsgefährdungen können entstehen, wenn Fehlentscheidungen oder -leistungen zu einer Gefährdung des Beschäftigten oder anderer Personen führen. Lärm kann z. B.:

  • die Wahrnehmung von akustischen Gefahrensignalen beeinträchtigen,
  • die Aufmerksamkeit und Konzentration herabsetzen,
  • die Sprachkommunikation beeinträchtigen,
  • die Fehlerquote erhöhen,
  • die Reaktionsfähigkeit verringern,
  • die Risikobereitschaft erhöhen oder
  • die Sicherheit bei manuellen Tätigkeiten vermindern.

Bei den technischen Maßnahmen hat die Lärmminderung an der Quelle (primäre Schutzmaßnahme) Vorrang vor der Lärmminderung auf dem Ausbreitungsweg und raumakustischen Maßnahmen (sekundäre Schutzmaßnahme).

Möglichkeiten zur Lärmminderung an der Quelle innerhalb der Arbeitsstätte bestehen z. B. an folgenden Schallquellen:

Gebäudeeinrichtungen und -ausstattungen

  • Lüftungs-/Klimaanlagen
  • Transformatoren
  • Heizungs- und Sanitäranlagen
  • schallharte Fußböden (Trittschall)
  • Türen
  • Motoren
  • Kompressoren
  • Druckluftentnahmestellen

Arbeitsmittel und Einrichtungen

  • Werkzeuge
  • Fertigungsmaschinen
  • Bürogeräte
  • Küchengeräte
  • Medizingeräte
  • Kommunikationsgeräte
  • Transportwagen
  • Tische und Stühle.

Beispiele für mögliche organisatorische Maßnahmen sind:
generell:

  • Kommunikationsregeln erstellen und beachten

Büro:

  • Ausweichräume für konzentriertes Arbeiten oder Besprechungen/Telefonate vorsehen
  • Festlegen von Zeitfenstern oder Räumlichkeiten
  • Server, Drucker und Kopierer in separaten Räumen unterbringen
  • Größere Druckaufträge in Zeiten mit Personalabwesenheit verlagern

Bildungsbereich:

  • Bewegungs- und Ruheräume räumlich voneinander trennen
  • Laute Spielphasen in separate Räume oder in den Außenbereich verlagern
  • Bewegungs- und Ruhephasen zeitlich voneinander trennen
  • Ruhezeichen einführen, z. B. Handzeichen, Lärmampeln oder andere Hilfsmittel
  • Mehrzweck- oder Werkräume nicht in unmittelbarer Nähe von Klassen- oder Gruppenräumen anordnen

Produktionsbereich:

  • Räume für Tätigkeiten der Tätigkeitskategorien I oder II nicht in unmittelbarer Nähe zu lauten Räumen, z. B. Produktionsstätten, anordnen
  • Durchführung von Bildschirmarbeiten, Steuerungseinstellungen für Maschinen und Anlagen in lärmarmen Bereichen.

Verhaltenspräventive Maßnahmen können durch Unterweisung oder Information z. B. zu lärmarmen Arbeiten, Vermeiden unnötiger Lärmerzeugung und tätigkeitsfremder Geräuschquellen (Radio usw.) vermittelt werden.

Hinweis: Die Beschäftigten haben entsprechend § 15 ArbSchG die Verpflichtung, durch eigenes Handeln zur Lärmminderung beizutragen. Zum persönlichen Lärmschutz kann der Arbeitgeber Hilfsmittel, z. B. Gehörschutz, zur Verfügung stellen, die die Beschäftigten anwenden können. Dabei ist zu beachten, dass Sprachverständlichkeit und akustische Orientierung beeinträchtigt werden können.

 

Autor: Stefan Johannsen, Diplom-Biologe

 

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