Arbeiten unter Spannung - Gefährdungen niemals unterschätzen

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Arbeiten unter Spannung - Gefährdungen niemals unterschätzen | 12.10.2016

Arbeit unter Spannung (AuS) bezeichnet Arbeiten, bei der Personen mit Gliedmaßen oder Objekten (Werkzeuge, Geräte, Ausrüstungen oder Vorrichtungen) unter Spannung stehende Teile berühren oder in die Gefahrenzone gelangen.

Arbeiten an unter Spannung stehenden elektrischen Anlagen oder Betriebsmitteln, sind lebensgefährlich. Sie können durch kleine Fehler zu einer Körperdurchströmung aufgrund des Berührens unter Spannung stehender Anlagenteile oder die Bildung von Lichtbögen durch Kurzschluss mit Folgen wie Brandentwicklung, Verbrennungen, Evakuierung von Gebäuden, hohen Sachschäden bis hin zur kompletten Entfernung von Gebäuden infolge von Brandfolgeschäden führen.

Daher ist das Arbeiten unter Spannung (AuS) nur unter bestimmten Umständen und bei strikter Beachtung von Sicherheitsregeln zulässig, bei denen der Arbeitgeber und die eingesetzten Elektrofachkräfte einige Sicherheitsgrundsätze befolgen müssen. Arbeiten unter Spannung sind nur zulässig, wenn dazu zwingende Gründe für diese Arbeitsmethode bestehen, bzw. wenn durch die Art der Anlage eine Gefährdung durch Körperdurchströmung oder durch Lichtbogenbildung ausgeschlossen ist (§ 8 DGUV Vorschrift 3), z. B.

  • in Anlagen mit einer Spannung bis 50 Volt Wechselspannung oder 120 Volt
  • Gleichspannung zwischen aktiven Teilen oder zwischen aktiven Teilen und Erde (aber auch hier Gefährdung durch Lichtbogen beachten),
  • bei eigensicher errichteten Stromkreisen,
  • wenn der Kurzschlussstrom an der Arbeitsstelle höchstens 3 mA Wechselstrom (Effektivwert) oder 12 mA Gleichstrom oder die Energie nicht mehr als 350 mJ beträgt,
  • wenn erhebliche Gefahren, z. B. für Leben und Gesundheit von Personen oder Brand- und Explosionsgefahren, abzuwenden sind (diese Arbeiten dürfen nur durch Elektrofachkräfte unter Beachtung der geeigneten Vorsichtsmaßnahmen ausgeführt werden).

In bestimmten Situationen ist es jedoch nahezu unmöglich oder nicht sinnvoll, Spannungsfreiheit herzustellen. Solche Gründe können z.B. folgende sein:

  • Im Rahmen einer Fehlersuche müssen Messungen vorgenommen werden, die ohne Vorliegen einer elektrischen Spannung keinen Sinn ergeben würde.
  • Bei Spannungsfreiheit durch Abschalten einer Maschine oder Anlage würden neue Gefährdungen für Leben und Gesundheit von Personen entstehen (Beispiel: Ausfall einer Anlage zur Verkehrssteuerung oder lebensnotwendige Systeme zur Versorgung)
  • Bei komplettem Abschalten würden hohe wirtschaftliche Schäden entstehen. Dies kann z. B. der Fall sein bei Spannungsfreiheit in Großindustriellen Fertigungsprozessen in der Stahlindustrie oder in Glashütten.

Die Person, die Arbeiten unter Spannung durchführt, muss grundsätzlich die Qualifikation einer Elektrofachkraft besitzen (s. Abschnitt 3.1 der DGUV Regel 103-011)

Weiter hat der Unternehmer dafür zu sorgen, dass Arbeiten unter Spannung nur Personen übertragen werden, die für diese Arbeiten befähigt worden sind. Diesen Personen ist eine schriftliche Berechtigung für die Arbeiten unter Spannung zu erteilen, die sie durchführen dürfen. Es wird empfohlen, dies in einem so genannten AuS-Pass festzuhalten.

Voraussetzungen für die Ausbildung zum Arbeiten unter Spannung sind.

  • grundsätzliche Qualifikation zur Elektrofachkraft (EFK),
  • Mindestalter 18 Jahre,
  • gesundheitliche Eignung; diese kann z.B. durch eine arbeitsmedizinische Vorsorge (DGUV G 25) nachgewiesen werden,
  • Erste-Hilfe-Ausbildung

Der Unternehmer hat eine sogenannte Auswahl- und Aufsichtsverantwortung. Somit hat er in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren, ob die erforderliche Befähigung der Beschäftigten noch in akzeptablem Umfang vorliegt und keine gesundheitliche Beeinträchtigung vorhanden ist. Abgesehen von der Prüfung wird dazu geraten, die Eignung zum Arbeiten unter Spannung durch eine Wiederholungsausbildung nach vier Jahren zu erneuern. Diese ist mit einer Prüfung abzuschließen.

Die zum Arbeiten unter Spannung geeigneten Beschäftigten sind außerdem mindestens jährlich über die tätigkeitsbezogenen Gefährdungen und die erforderlichen Schutzmaßnahmen beim Arbeiten unter Spannung nachweislich zu unterweisen. Der Inhalt der Unterweisung ist zu dokumentieren. Die Teilnahme an dieser Unterweisung kann in dem Pass "Arbeiten unter Spannung" vermerkt werden.

  • In explosionsgefährdeten Bereichen ist ein Arbeiten unter Spannung nur unter besonderen Bedingungen erlaubt; die Regelungen sind in der DIN VDE 0105 enthalten.
  • Auch an Akkumulatoren ist das Arbeiten unter Spannung erlaubt, wenn geeignete Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.
  • Kurzschlusse an großen Batterien können jedoch starke Lichtbogen verursachen und zu schweren Unfällen fuhren.
  • Bei Nennspannungen über 50 Volt Wechselspannung oder 120 Volt Gleichspannung sind Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen nur auf besondere Anweisung einer verantwortlichen Elektrofachkraft mit Anweisungsbefugnis und nur bei Vorliegen von zwingenden Gründen zugelassen (§ 8 DGUV Vorschrift 3).

Zwingende Gründe für das Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen können z. B. vorliegen, wenn durch Wegfall der Spannung

  • eine Gefährdung von Leben und Gesundheit von Personen zu befürchten ist,
  • in Betrieben ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden entsteht,
  • bei Arbeiten in Netzen der öffentlichen Stromversorgung, besonders beim Herstellen von Anschlüssen, Umschalten von Leitungen oder beim Auswechseln von Zählern, Rundsteuerempfängern oder Schaltuhren die Stromversorgung unterbrochen wurde,
  • bei Arbeiten an oder in der Nähe von Fahrleitungen der Fahrbetrieb unterbrochen wurde,
  • Fernmeldeanlagen einschließlich Informationsverarbeitungsanlagen oder wesentliche Teile davon wegen Arbeiten an der Stromversorgung stillgesetzt werden mussten und dadurch mittel- oder unmittelbar Gefahr für Leben und Gesundheit von Personen sowie Schaden an Sachwerten hervorgerufen werden konnten,
  • Störungen in Verkehrsanlagen hervorgerufen werden, die zu einer Gefahr für Leben und Gesundheit von Personen sowie Schaden an Sachwerten führen konnten.

Wenn in einem Betrieb bei Vorliegen von zwingenden Gründen unter Spannung gearbeitet werden soll, muss der Unternehmer in einer Arbeitsanweisung festlegen

  • welche Arbeiten unter Spannung ausgeführt werden sollen,
  • welche verantwortliche Elektrofachkraft (EFK) für die sichere Ausführung der Arbeiten unter Spannung zuständig ist

Stefan Johannsen, Diplom-Biologe

 

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DGUV Regel 103-03 „Arbeiten unter Spannung an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln (ehemals BGR A3)“

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