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Belastungen durch Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung minimieren  | 01.12.2015

Diese Belastungen werden durch das Aufbringen bzw. das Einwirken erhöhter Kräfte geprägt und sind in der Gefährdungsbeurteilung nach §§ 5,6 Arbeitsschutzgesetz in Verbindung mit der Lastenhandhabungsverordnung und DGUV Information 208-033 (bisher: BGI/GUV-I 7011) zu erfassen und zu bewerten. Ausgenommen hiervon sind die Lastenhandhabungen (Heben, Halten und Tragen, Ziehen und Schieben, manuelle Arbeit).

Typische Tätigkeitsbereiche für diese Belastungsformen sind:

  • Schwer zugängliche Arbeitsstellen, z. B. Steigen, Klettern,
  • Einsatz der Hände und Arme als Werkzeug, z. B. Klopfen, Hämmern, Drehen, Drücken,
  • Kraft-/Druckeinwirkung bei der Bedienung von Arbeitsmitteln, z. B. Bohren, Stemmen.

Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung treten oft in Verbindung mit schwer zugänglichen Arbeitsstellen auf, z. B. beim Besteigen von Kränen, Windenergieanlagen oder Freileitungsmasten.
Sie belasten den gesamten Körper und erfordern eine gute körperliche Leistungsfähigkeit.

Tätigkeiten mit hoher Krafteinwirkung können in unterschiedlichen Formen auftreten:

  • Der direkte Einsatz der Hand als Werkzeug, etwa beim Klopfen, Hämmern, Drehen oder Drücken, kann zu Beschwerden und Schäden des Handskeletts führen.
  • Bei der Bedienung von Arbeitsmitteln, etwa dem Halten und Drücken einer Zange o. ä., können gegebenenfalls Beschwerden im gesamten Arm bis zur Schulter entstehen.
  • Arbeiten mit erhöhten Kraftanstrengungen und/oder Krafteinwirkungen sind häufig nicht an feste Arbeitsplätze gebunden, wie sie in Handwerk oder Industrie üblich sind. Typisch sind Baubedingungen. Deshalb können die strengen Regeln des Arbeitsstättenrechtes und der Ergonomie hier nur bedingt angewendet werden. Grundsätzlich müssen aber die Körpermaße und -kräfte der Beschäftigten beachtet werden.


Mögliche Maßnahmen zur Verringerung der körperlichen Überlastung durch Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung sind:

  • montage- und wartungsfreundliche Konstruktion (ergonomisch günstige Griffgestaltung, Anschlagpunkte für Krafteinleitung, Berücksichtigung von Montage- und Wartungsflächen)
  • Vermeidung von Aktionskräften, die die Belastbarkeit überfordern (Nutzung von Spezialwerkzeugen, Gewichtsreduzierung von Werkzeugen)
  • sichere Arbeitsbedingungen (ausreichender Bewegungsraum, ebener, rutschfester und stabiler Boden, geeignete Arbeitsschuhe, gute Sichtverhältnisse)
  • extreme Temperaturen und Feuchtigkeit vermeiden (Einhausungen, spezielle Körperschutzmittel)
  • angemessenes Arbeitspensum (Verringerung des Arbeitstempos, Wechsel zwischen be- und entlastenden Tätigkeiten, ausreichende Erholungszeiten)
  • Unterweisung der Beschäftigten (vor Aufnahme der Tätigkeit, bei Veränderungen im Aufgabenbereich, Einführung neuer Arbeitsmittel oder einer neuen Technologie)
  • tätigkeitsbezogenes Training (Strategien zur Verringerung der körperlichen Belastungen bei hohen Kraftanstrengungen, korrekte und sichere Nutzung von Werkzeugen und Hilfsmitteln sowie persönlicher Schutzausrüstung, vernünftige Arbeitseinteilung usw.)
  • individuelle Beratung der Beschäftigten im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge (DGUV G 46).


Sind die Belastungen durch Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung erfasst und dokumentiert?

Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung stellen eine Gefährdung des Muskel-Skelettsystems dar. Daher sieht das Arbeitsschutzgesetz im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung vor, Arbeitsplätze auch im Hinblick auf Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung zu beurteilen und gegebenenfalls Erleichterungen dieser Arbeiten vorzunehmen.

Um eine Gefährdung der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur durch zu hohe körperliche Belastungen der Beschäftigten zu vermeiden, müssen die Tätigkeiten ermittelt werden, bei denen Arbeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung vorkommen.

Für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung bei Belastungen des Muskel-Skelettsystems empfiehlt sich das folgende dreistufige Vorgehen.

Stufe 1 – Orientierende Gefährdungsbeurteilung

Um sich schnell einen Überblick zu verschaffen, ob und welche Gefährdungen im eigenen Betrieb überhaupt auftreten können, empfiehlt sich eine einfache, orientierende Gefährdungsbeurteilung anhand folgender Fragen:

  • Klettern, Steigen -Sind Arbeiten an schwer zugänglichen Arbeitsstellen durchzuführen? -Mehrfach pro Arbeitstag Aufsteigen auf hohe Masten, Türme oder dergleichen?
  • Manuelles Klopfen, Schlagen, Drücken -Werden die Hände selbst als „Werkzeug“ eingesetzt? -Regelmäßiges Klopfen, Schlagen oder Drücken direkt mit der Hand bedingt durch die Arbeitsaufgabe?
  • Kraft- oder Druckeinwirkung -Regelmäßig erhöhte Kräfte oder erhöhte Druckeinwirkungen bei der Bedienung von Arbeitsmitteln/Werkzeugen?

Das Ergebnis gibt dem Betrieb einen ersten Überblick über mögliche Gefährdungen. Die meisten Betriebe können damit die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung durchführen.
Wurde mindestens ein Punkt der Fragen zur orientierenden Gefährdungsbeurteilung mit "Ja" beantwortet, liegt wahrscheinlich eine gefährdende Belastung von Rücken oder Gelenken vor. Dann sollten Sie Maßnahmen ergreifen, um die Belastungen zu vermindern und danach die Gefährdungsbeurteilung wiederholen.

Können Belastungen mit Hilfe der orientierenden Gefährdungsbeurteilung und der ergriffenen Maßnahmen nicht eindeutig erkannt bzw. nicht wirksam gemindert werden, so ist eine vertiefende Gefährdungsbeurteilung nach Stufe 2 erforderlich.

Stufe 2 – Vertiefende Gefährdungsbeurteilung

Für eine vertiefende Gefährdungsbeurteilung nach Stufe 2 gibt es folgende Gründe: Eine vermutete Gefährdung kann mit der Checkliste nicht ausreichend beurteilt werden. Für eine mit den Fragen zur orientierenden Gefährdungsbeurteilung konnte die Belastung nicht wirksam vermindert werden.
Für die vertiefende Beurteilung von Arbeitsplätzen hinsichtlich einer möglichen Gefährdung durch Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung nach Stufe 2 kann die OCRA-Checkliste und die DIN EN 1005-3 angewendet werden.

Stufe 3 – Unterstützung durch externe Spezialisten

Die in dieser Stufe anzuwendenden Verfahren der vertiefenden Gefährdungsbeurteilung sind in der Regel so komplex, dass ein alleiniges Bearbeiten durch betriebliche Experten üblicherweise nicht möglich ist. Vielmehr ist eine Zusammenarbeit mit arbeitswissenschaftlichen Experten, Arbeitsgestaltern, Arbeitmedizinern und dergleichen erforderlich.

Die Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung sind zu dokumentieren.

Autor: Stefan Johannsen, Dipl.-Biologe



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