Mangelnde Ergonomie

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Gefährdungen und Belastungen durch mangelnde Ergonomie vorbeugen | 17.06.2016

Laut Anhang zur Arbeitsstättenverordnung müssen Arbeitsräume eine ausreichende Grundfläche und eine, in Abhängigkeit von der Größe der Grundfläche der Räume, ausreichende lichte Höhe ausweisen, so dass die Beschäftigten ohne Beeinträchtigungen ihrer Sicherheit, ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens ihre Arbeit verrichten können. Die Abmessungen aller weiteren Räume richten sich nach der Art ihrer Nutzung. Die Größe des notwendigen Luftraumes ist in Abhängigkeit von der Art der körperlichen Beanspruchung und der Anzahl der Beschäftigten sowie der sonstigen anwesenden Personen zu bemessen.

Die freie unverstellte Fläche am Arbeitsplatz muss so bemessen sein, dass sich die Beschäftigten bei ihrer Tätigkeit ungehindert bewegen können. Ist dies nicht möglich, muss den Beschäftigten in der Nähe des Arbeitsplatzes eine andere ausreichend große Bewegungsfläche zur Verfügung stehen.

Doch wie sieht es konkret aus: Erfolgt die räumliche Gestaltung von Arbeitsplätzen und Betriebsmitteln nach ergonomischen Gesichtspunkten in ihrem Betrieb?

  • Nach allgemeiner Erfahrung sollte der Arbeitnehmer an seinem Arbeitsplatz mindestens eine Bewegungsfläche von 1,5 qm zur Verfügung stehen.
  • Die freie Bewegungsfläche sollte an keiner Stelle weniger als 1 m breit sein.
  • Bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und den Bedienelementen von Arbeitsmitteln ist die Körpergröße der Beschäftigten zu berücksichtigen. Hierbei sind Körpergrößenbereiche und nicht konkrete Maße einer einzelnen Person zu verwenden.
  • Der Arbeitsplatz sollte einen ausreichend großen Wirkraum umfassen. Der Wirkraum ist der Mindestbewegungsraum des Menschen und seiner Gliedmaßen bei der jeweiligen Tätigkeit. Dieser Raumbedarf, der von der auszuführenden Tätigkeit und den Körpermaßen abhängig ist, muss dem Menschen angepasst sein. Dadurch werden gesundheitsgefährdende oder ermüdende Köperhaltungen vermieden.
  • Bei der Gestaltung der Arbeitsplätze ist auch der Greifraum zu berücksichtigen. Hierunter ist die Ausdehnung des Raumes zu verstehen, in dem der Mensch greifen kann. Er ist abhängig von der Größe der Gliedmaßen und ihren Bewegungsmöglichkeiten. Häufig vorkommende Tätigkeiten sollten innerhalb des kleinen Greifraumes ausgeführt werden können. Als kleiner Greifraum wird, gemessen von der Körperachse, ein Halbradius von 800 mm (bei Männern) bzw. 720 mm (bei Frauen) nach vorne und zur Seite bezeichnet. Hinweise zu am häufigsten auftretenden Körpergrößenbereichen und der Gestaltung von Arbeitsplätzen können der DIN EN 547 "Körpermaße des Menschen" entnommen werden.

Sind Steharbeitsplätze ergonomisch gestaltet?

  • Arbeitsplätze so einrichten, dass man abwechselnd Stehen und Sitzen kann.
  • Sitzgelegenheit (z. B. Stehsitze) zur Verfügung stellen.
  • Arbeitshöhe der Körpergröße der Beschäftigten anpassen.
  • Elastische Gummimatten (Antiermüdungsmatten) zur Verfügung stellen, da das Stehen auf hartem Untergrund sehr unbequem ist.
  • Beschäftigte anhalten, geeignetes Schuhwerk zu tragen.
  • Rutsch- und Stolpergefahren ausschließen.

Sind Sitzarbeitsplätze ergonomisch gestaltet?

  • Geeignete Stühle bereitstellen mit Armlehnen und einer Rückenlehne, welche die Lendenwirbelsäule unterstützt und ein dynamisches Sitzen ermöglicht (Rückenlehne gibt beim Zurücklehnen elastisch nach)
  • Höhe der Sitzfläche auf die Körpergröße des Beschäftigten einstellen (Oberschenkel waagerecht, rechter Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel)
  • Arbeitshöhe (z. B. Höhe der Tischfläche) an die Körpergröße des Beschäftigten anpassen. Der Oberarm sollte etwa senkrecht, der Unterarm etwa waagerecht gehalten werden können
  • Muss die Sitzhöhe der Arbeitshöhe angepasst werden, kann bei kleinwüchsigen Menschen die Bereitstellung einer Fußstütze erforderlich sein, um eine ergonomisch korrekte Beinhaltung zu ermöglichen
  • ausreichenden Bein- und Fußraum vorsehen. Ein ausreichender Bein- und Fußraum ist gewährleistet, wenn folgende Mindestmaße eingehalten sind: - Tiefe (120 mm über Fußboden ) 600 mm - Breite 580 mm - Höhe mind. 650 mm, besser 690 mm

Sind Arbeitspodeste ergonomisch gestaltet?

Wird die Arbeitshöhe von der Maschine vorgegeben, kann es insbesondere bei kleinwüchsigen Menschen erforderlich sein, einen Höhenausgleich in Form eines Arbeitspodestes vorzunehmen. Zur Vermeidung von Unfall- und Gesundheitsgefahren sollte insbesondere auf folgendes geachtet werden:

  • Breite (ständiger Arbeitsplatz): 1 m, in Ausnahmefällen 0,80 m,
  • Breite (Bedienungs- und Wartungspodest): 0, 5 m - Mindestfläche 1,5 m²,
  • keine Unterbrechungen in der Lauf- und Standfläche,
  • keine Unebenheiten,
  • Aufgänge als Treppen, auch bei höheren Podesten möglichst keine Leiter,
  • Steigung der Aufgänge: konstant 30°, evtl. bis 45°,
  • aufbreite der Aufgänge: mind. 0,5 m - Auftrittbreite der Treppenstufe: 0,29 m,
  • Stufenhöhe: 0,17 - 0,19 m,
  • Anordnung der Aufgänge: in Hauptlaufrichtung eventuell über die gesamte Breite,
  • Höhe, einstufiges Podest: max. bis 30 cm,
  • Geländer möglichst auch bei niedrigen Podesten - keine losen Podestteile,
  • Kontrast: möglichst Farbkontrast,
  • Oberflächenmaterial: rutschfest,
  • Podestkantenmaterial: besonders rutschfest, Kennzeichnung der Podestkanten bei unzureichendem Kontrast gegenüber dem Fußboden.

Werden Arbeiten, die eine hohe Wiederholfrequenz haben (größer 15 Betätigungen/min), so gestaltet, dass Belastungen reduziert sind?

  • kraftaufwendige Tätigkeiten der Finger oder Hände vermeiden.
  • Tätigkeitswechsel in bestimmten Zeitabständen vorsehen.
  • Bewegungsabläufe nach ergonomischen Gesichtspunkten gestalten.

Sind Vorkehrungen getroffen, um ergonomisch ungünstige Körperhaltungen zu vermeiden oder zu reduzieren?

Ergonomisch ungünstig sind insbesondere folgende Körperhaltungen:

  • langes Stehen ohne Gelegenheit zum Sitzen,
  • dauerndes Sitzen ohne Gelegenheit zum zeitweisen Stehen oder Gehen ,
  • stark gebeugt/gebückt, extreme Rumpfbeugehaltung, Hocken, Knien, Liegen z. B. über-Kopf-Arbeit, Zwangshaltung durch beengte Raumverhältnisse (z. B. sehr niedrige Räume, Schächte, Behälter) ,  einseitige oder statische Belastung
  • häufige Drehbewegungen im Körperrumpf.

Folgende Maßnahmen kommen in Betracht:

  • Wechsel der Körperhaltung ermöglichen (z. B. Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, Sitzgelegenheit vorsehen)
  • häufiges Bücken vermeiden durch Anpassen der Arbeitshöhe oder Bereitstellen von Hilfsmitteln, z. B. Palettenheber oder Vakuumheber
  • häufiges Hocken oder Knien vermeiden oder ergonomisch günstige Knieschützer zur Reduzierung der Belastung der Kniegelenke bereitstellen und benutzen
  • sonstige ergonomisch ungünstige Körperhaltungen durch Gestaltung der Arbeitsabläufe möglichst vermeiden oder reduzieren.

Autor: Stefan Johannsen, Dipl.-Biologe

 

 

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